Ich dachte, ich verrotte - aber Wildfang war gut für mich
Emin (Name geändert), 23, hat jetzt eine Arbeitsstelle als Beikoch in einer Kleinstadt, eine Einzimmerwohnung und ein Fahrrad. 2025 sponsert Wildfang seinen Führerschein. Sein Traum ist es, eines Tages in einer großen Stadt zu leben und einen Freundeskreis aufzubauen. Bis heute fühlt er sich trotz allem oft einsam.
Protokoll von Ariane Windhorst
Meine Eltern waren mir fremd, weil ich direkt nach meiner Geburt bei meiner Oma in Bulgarien aufgewachsen bin. Als sie mich Jahre später zu sich holten, war ich ihnen auch fremd.
Sie dachten, weil ich so schüchtern und ruhig war, ich könnte schwul werden und schlugen mich, damit ich abgehärtet werde - und sie wollten sie mich vor der Welt verstecken.
Später in Deutschland bin ich öfter abgehauen von Zuhause und eines Tages kam ich zur Familie Witthoff von Wildfang und – ganz ehrlich – ich habe zwei Tage lang nur geheult. Das ging alles so schnell, es hieß, du hast eine Stunde Zeit zum Packen und dann war ich plötzlich in einer Mädchengruppe auf dem Land. Tiere und Landleben haben mich gar nicht interessiert. Ich bin ein Stadtkind, das war alles sehr neu und ich dachte, ich verrotte da am Arsch der Welt.
Aber nach einer gewissen Zeit habe ich mich eingewöhnt: Die Betreuerinnen waren sehr nett. Meine Bezugsbetreuerin hieß Liane, sie hat mir wirklich geholfen.
Wie echte Schwestern und Brüder
Bei Familie Witthoff war es kein Problem, dass ich der einzige Junge in einer Mädchengruppe war. Zuerst war das nur als Notfallgruppe gedacht, aber für die Mädchen war ich der Große, fast 16, ich war ihr Vorbild. Am Anfang war das zwar komisch, aber schnell wurden sie wie Schwestern. Da bin ich knapp zwei Jahre lang geblieben.
Später kam ich in eine andere Wildfang-Wohngruppe, zu den Jungs nach Vahlde für fünf Jahre. Das war wieder eine große Umstellung. Ich hatte schon etwas Angst davor, aber die Betreuer waren herzlich und die Jungs waren nett. Gleich am ersten Tag haben wir uns angefreundet - sie waren wie Brüder. Wir haben uns gefunden. Ab und zu war es natürlich stressig, aber wir sind immer lachend schlafen gegangen.
Selbständig, aber einsam
Irgendwann wurde ich 18, zog allein in eine Probewohnung und machte Praktika. Dann kam Corona, also war ich praktisch ein Jahr in der Wohnung eingesperrt. Das fühlte sich nicht gut an. Ich bin ein sozialer Mensch, der gerne mit anderen abhängt. Corona war ein großer Schock.
Zum Glück kam Bernd Rosebrock von Wildfang zweimal pro Woche vorbei, wir konnten uns über alles unterhalten, das war cool. Ich bin ein positiver Mensch, das habe ich Bernd zu verdanken.
Früher war ich oft aggressiv, weil es zuhause es nur Probleme, Probleme, Probleme gab, das war schrecklich. Aber durch Bernd habe ich das Gute gesehen - ich nenne ihn “Opa”. Er ist immer da, wenn ich ihn brauche.
Dann hatte der Vermieter gekündigt und ich kam wieder zurück zu Wildfang nach Vahlde. Klar war es doof, wieder umzuziehen, aber ich habe mich gefreut: Ich war wieder zuhause…
“Renn in ein Heim!”
Als ich noch klein war, hat mich meine Oma in Bulgarien vor meiner Familie beschützt, sie war das Beste in meinem Leben. Sie war Türkin, mit ihr sprach ich immer türkisch und ich lernte im Dorf etwas Bulgarisch.
Von muslimischen Jungs erwartet man, dass sie harte Knochen sind. Als ich zwischendurch bei meiner Familie lebte, hat mich meine Mutter geschlagen, weil ich ihr nicht maskulin genug war. Sie fürchtete, ich könnte schwul werden und versuchte, das mit Gewalt zu verhindern.
Meine Eltern arbeiteten, als ich geboren wurde, zuerst in Griechenland und als sie mich zwischen meinem sechsten und achten Lebensjahr zu sich holten, wurde ich meistens zuhause eingesperrt, also habe ich kein Griechisch gelernt. Meine Familie sprach nur Griechisch miteinander, wenn ich etwas nicht mitkriegen sollte. Für die war ich die kleine Schwuchtel. Ich wurde in den Keller gesperrt und geschlagen, sie haben Kippen auf mir ausgedrückt und meine Hände mit Peperonis eingeschmiert, damit ich meine Fingernägel nicht mehr abkaue.
Nach zwei Jahren, als ich acht Jahre alt war, gingen meine Eltern zum Arbeiten nach Deutschland und ich kam zum Glück zurück zu meiner Oma. Sie starb aber vier Jahre später 2012 und kurz bevor es soweit war, sagte sie: “Falls ich sterben sollte und deine Eltern dich abholen, renn in ein Heim!” Meine Oma wusste alles.
“Wir schneiden deine Hände ab”
Mein Vater holte mich nach Hannover, ich hatte da niemanden. Ich ging nicht in die Schule, es gab nur Gewalt - aber Jesus war für mich da. Eines Tages kam ein Sozialarbeiter zu uns und meinte: “Sie müssen das Kind zur Schule schicken!” Herbert hieß der, das weiss ich noch.
Ich kam in eine Flüchtlingsklasse, da gab es ein paar Leute, die auch Türkisch sprachen und zum ersten Mal hatte ich Freunde.
Eines Tages war ich in der Schule, da kam meine Mutter dahin und meinte, „mach mal deinen Schrank auf!“ Sie dachte, ich hätte das Handy meines Bruders geklaut. "Wenn du heute ohne das Handy deines Bruders nach Hause kommst, schneiden wir dir deine Hände ab."
Ich hatte Angst und ging in ein Jugendzentrum, da war ein Sozialarbeiter, der Türkisch konnte und er sagte: “Du brauchst keine Angst zu haben."
Von Station zu Station
Ich kam sofort in eine Notaufnahmestelle. Leider wurde keine feste Gruppe für mich gefunden, es war auch die Zeit, in der viele Flüchtlinge nach Deutschland kamen, niemand hatte Platz, also musste ich nach drei Monaten zurück zu meinen Eltern. Die waren dann richtig sauer und es wurde alles noch schlimmer.
Ich bin wieder abgehauen, wieder zur Notaufnahme, aber die sagten, du kannst her nicht einfach spontan hier hinkommen, also haben sie mich wieder zurück zu meinen Eltern geschickt und alles ging von vorne los.
Nach ein paar Monaten kam Gott sei Dank der Typ, der mich zur Schule abholen wollte, und sagte, „wir haben jetzt eine feste Stelle für dich“.
Das war die zweite Stelle in Hannover. Alle haben Deutsch gesprochen, also lernte ich endlich Deutsch, die sprachen extra langsam mit mir. Meine Mitbewohner da waren todesnett zu mir.
Trotzdem hatte ich ein Aggressionsproblem, weiß nicht warum, aber ich bin oft ausgerastet und habe die Betreuer angespuckt. Trauma vielleicht. Das war für die dann eines Tages doch ein bisschen zu viel. Dann hieß es, für dich ist es hier vorbei. Ich kam in die nächste Stelle in Hannover, dann noch einmal kurz in eine Notaufnahme-Stelle, später in die dritte feste, da blieb ich knapp zwei Jahre.
Aber ich habe Kacke gebaut: Einer Mitbewohnerin habe ich Spüli ins Getränk getan, sie hat’s nicht getrunken, aber es hieß, das wäre harte Körperverletzung. Ich bereue das sehr. Ich hab’s zwar nicht alleine gemacht, aber alle haben die Schuld auf mich geschoben. Dann musste ich weg. Ich war in der 8. Klasse, die Schule lief gut, aber ich wurde rausgerissen.
Dann kam der erste Tag in der Witthoff-Mädchengruppe. Ich dachte zuerst, mein Leben wäre vorbei, alles was ich mir aufgebaut hatte, war wieder weg. Es war so krass mitten auf dem Land. Aber es war ja gut, wie gesagt, Wildfang war meine Rettung.
Erwachsen werden in der Provinz
Ich habe später meinen Hauptschulabschluss gemacht und in Rotenburg an der Wümme eine Wohnung gefunden. Wildfang hat mir dabei sehr geholfen. Eine Woche danach begann meine Ausbildung, beziehungsweise das Fachpraktikum als Beikoch.
Dann lerne ich halt kochen, habe ich mir gesagt. Es war mein Ziel, einen Abschluss zu machen, da habe ich einfach das genommen, was kam. Vor Kurzem wurde ich übernommen, ich helfe jetzt beim Mittagstisch und bei den Essenslieferungen zu den Leuten nach Hause.
Demnächst ist das Jugendamt nicht mehr für mich zuständig, aber Bernd ist weiterhin für mich da. Ich vertraue ihm vollkommen, er versucht, einen zu verstehen, er gibt einem immer ein sehr gutes Gefühl, ich mochte ihn auf den ersten Blick.
Welche Mutter macht sowas?
Mein Traum ist es, bald den Führerschein zu machen, dann kann ich die Essenslieferungen selbst ausfahren. Später möchte ich mal in eine größere Stadt ziehen, am liebsten nach Hannover.
Ich habe keine Angst meinen Eltern zu begegnen, wir hatten jetzt acht Jahre lang keinen Kontakt. Meine Mutter hat, kurz nachdem ich in eine feste Gruppe kam, das Sorgerecht abgegeben, alle meine Papiere und sogar ihren Mutterpass. Welche Mutter macht sowas? Ich versuche, das alles zu vergessen.
Neulich hat mich eine Schulfreundin nach Hannover eingeladen, da bekam ich plötzlich eine Panikattacke. Das war ganz schlimm, ich dachte, ich sterbe. Sie sagte zu mir, du musst atmen, dann habe ich mich wieder beruhigt.
Ausblick
Trotzdem möchte ich in Hannover leben, man hat viel mehr Möglichkeiten, was Jobs angeht und ich hoffe, dadurch werde ich mich persönlich weiterentwickeln.
Hier fühle ich mich allein. Ich habe keinen Mut, auf andere Menschen zuzugehen. Mich kennt man hier nur als einsam, keiner versucht, mit mir Kontakt aufzunehmen. Ich möchte offener werden.