Medienkompetenz

 
 

Fachthema: Medienkompetenz

Medienkonsum in der Jugendhilfe wie Genussmittel behandeln und Glücksgefühle im “Real Life” stärker ausbauen

Smartphones für Kinder verbieten? Je härter die allgemeine Auseinandersetzung in den Sozialen und klassischen Medien abläuft und je mehr junge Menschen unter Cybermobbing, Angststörungen und Depressionen leiden, desto lauter werden die Stimmen derjenigen, die Smartphones für Kinder unter 16 verbieten wollen, genau wie Alkohol und Zigaretten. Dies entspricht dem sogenannten bewahrpädagogischen Ansatz. Doch erfahrungsgemäß ist das keine pauschal zu empfehlende Lösung - jedenfalls nicht in der Jugendhilfe. 

Es gibt bei Wildfang eine Mediennutzungsvereinbarung, die wir bei der Aufnahme jedes Kindes detailliert mit ihm besprechen, jedoch kein einheitliches Medienkompetenztraining, das nach ”Schema F” abläuft.

Hier setzen wir bei Wildfang mit unserem besonderen pädagogischen Anspruch auf drei Wegen an und bedienen damit gleichzeitig mehrere Konzepte der Medienpädagogik:

  1. Die Attraktivität der wahren Welt betonen!

    • Möglichste viele gemeinschaftliche Aktivitäten in der realen Welt

    • Interaktionen mit realen Menschen, sodass Freundschaften und Teamgeist entstehen können

    • Viel draußen spielen und drinnen gemeinsame analoge Spiele fördern (z.B. Klassiker wie “Mensch Ärgere Dich nicht”,  “Uno” und “MauMau”)

    • Dabei auch die Attraktivität analoger Medien hervorheben und besonders Lese- und Schreibfähigkeiten stärken

  2. In die Internetwelt der Jugendlichen eintauchen und diese möglichst oft GEMEINSAM reflektieren

    • Dabei behandeln wir Medienkonsum wie ein Genussmittel

    • Zeigen Interesse an ihren Internetvorlieben und besprechen Vor- und Nachteile

    • klären über missbräuchliche Wirkungen auf und motivieren zu sinnvollem Umgang

  3. Interdisziplinäres Arbeiten mit den Schulen: Die Kinder bringen Impulse aus dem Unterricht mit und diese nehmen wir in unsere Arbeit mit auf

Jedes Kind wird im Rahmen seiner Möglichkeiten und Interessen individuell gefördert

“Unser spezieller Wildfang-Schwerpunkt ist immer der, den Jugendlichen Aktivitäten im wahren Leben schmackhaft zu machen: echte soziale Kontakte, echte Freunde, gemeinsame Mahlzeiten, gemeinsame Spiele, viel draußen in der Natur zu sein, sich um Pflanzen und Tiere zu kümmern und dabei ein ädquates Umweltbewusstsein und echte Werte zu vermitteln.”

Wildfangchef und pädagogischer Leiter Dirk Precht


 

Auch wenn wir bei Wildfang seit 1977 stets naturnahe Aktivitäten in den Vordergrund stellen, widmen wir uns selbstverständlich heutzutage auch dem virtuellen Raum, in dem sich das Leben von Jugendlichen nun einmal zu einem erheblichen Teil abspielt. 

Wir stärken mit unserem Ansatz die Medienkompetenz der Jugendlichen auf Augenhöhe: zunächst fördern wir bei den Kindern die Freude an Erlebnissen im wahren Leben und gleichzeitig sind wir bereit, in die Online-Welt der Jugendlichen einzutauchen und mit ihnen darüber zu sprechen. So lernen wir einerseits viel von den Jugendlichen und das steigert andererseits die Bereitschaft, sich wiederum auf unsere Vorschläge einzulassen. 

Das wichtigste Gebot der Medienpädagogik ist es, kritische Inhalte nicht unreflektiert zu lassen! 

Alle Kinder haben gemäß der UN-Kinderrechtskonvention, auf der unsere individuellen Kinderschutzkonzepte fußen, ein Recht auf Zugang zu Medien. 

Im Rahmen der Kinderschutzkonzepte, die jeder einzelne Wildfang-Einrichtungsteil im Team erstellt und in sein Tagesgeschehen integriert, haben Wildfang-Kinder das Recht auf sinnvollen Medienkonsum, auf den Schutz der Privatsphäre und den Schutz vor Grausamkeit, vor Ausnutzung und Verfolgung. Wir vermitteln ihnen eine größere Sensibilität für ihre Rechte und erklären ihnen geduldig, WARUM etwas kritisch ist, bzw. klären wir das mit ihnen gemeinsam, sodass sie es verstehen und auch akzeptieren können.

Diese Rechte und was sinnvoller Medienkonsum überhaupt ist, dessen sind sich unsere Jugendlichen anfangs meist nicht bewusst und es ist ihnen in der Regel auch vollkommen egal.

Mediennutzungszeit als Genussmittel

Wie alle Kinder setzen sie sich erst einmal mit Vorliebe vehement dafür ein, sich amüsieren zu dürfen, ohne dabei an die Zukunft zu denken. Das ist ganz normal und das steht ihnen auch zu (Freizeit, Spiel und Erholung).

Hier beginnt das Konfliktfeld: Wie viel Medienzeit ist genug und welche Inhalte sind kritisch? Außerdem begreifen die Kinder anfangs noch nicht, dass Radio, Bücher, Podcasts, Hörspiele und analoges Fernsehen auch Medien sind, die sie nutzen können, um ihr Recht auf Zugang zu Medien auszuüben.

Unsere Aufgabe ist es, sie für die Konsequenzen ihres Handelns zu sensibilisieren und ihnen zu zeigen, wie sie Medien sinnvoll nutzen.

Dafür stehen uns verschiedene Ansatzpunkte zur Verfügung: z.B.

  1. Medienkompetenzthemen im Rahmen des obligatorischen Kinderschutzkonzeptes und der Wildfang-Mediennutzungsvereinbarung

  2. Beim gemeinsamen Fernsehen wird das Gesehene kommentiert und diskutiert

  3. Gemeinsames “Surfen” im Netz und/oder Spielen mit anschließender Reflexion, sofern es die Zeit der Betreuer es erlaubt

  4. Gemeinsame Recherchen zu bestimmten Themen und Beurteilung der Glaubwürdigkeit von Quellen

  5. Aufklärung über Gefahren von Manipulationen im Netz, insbesondere Cybermobbing, Grooming, etc 

  6. Aufklärung, welche Gefahren durch “Mediensucht” bestehen und warum deshalb Mediennutzungszeiten bei Wildfang idR begrenzt sind

  7. Hintergründe zum Jugendschutz: Warum Gewaltdarstellungen, Pornograpgie und die Verherrlichung nationalsozialistischen Gedankenguts für Jugendliche verboten sind 

  8. Aufklärung über das deutsche Mediensystem im Vergleich zu dem von Diktaturen

  9. Kreative Nutzung von Medientechnik: Wir unterstützen die Jugendlichen, die sich als reif genug erweisen, dabei, selbst Texte, Fotos und Videos zu erstellen und z.B. in Form eigener Fotobücher oder Musikvideos zu verarbeiten.

  10. Gemeinsam den Unterschied herausarbeiten zwischen fiktionalen Medienangeboten (z.B. Spielfilme und Serien) und journalistischen Abbildern der Realität (z.B. Nachrichten, Dokumentationen, Reportagen) und der Rolle von Werbetreibenden und Influencern.

Hierbei gibt es bei Wildfang keine festgelegte Reihenfolge, weil jedes Kind da abgeholt wird, wo es sich in seiner eigenen Entwicklung ganz individuell befindet.

Medienkompetenz bei Erwachsenen auch oft grenzwertig

In der Jugendhilfe zeigt sich verstärkt: Je weniger die Jugendlichen vorher das Gefühl hatten, ihr Leben mitgestalten zu können, desto schwieriger sind sie davon zu überzeugen, dass ungeregelter Medienkonsum ihnen schadet. Vielmehr genießen sie das Gefühl, das sie beim Spielen oder dem endlosen Anschauen von Videos als ganz besonders angenehm und positiv. Mediensucht ist für sie also zunächst kein Problem, sondern eher eine Lösung.

Die Kommunikationsfähigkeit, also die Fähigkeit, miteinander in Beziehung zu treten, ist erfahrungsgemäß flächendeckend in unserer Gesellschaft durch die Nutzung von Smartphones bzw. Social Media offensichtlich eher verkümmert als aufgeblüht. Das Schlagwort von den Unsozialen Medien macht die Runde. Auch bei Erwachsenen. Insgesamt beobachten wir, dass junge Eltern selbst verstärkt Probleme mit Orientierungslosigkeit und Ängsten haben und traditionelle Werte in Frage stellen, weil sie keinen Nutzen darin erkennen können. Wie sollen sie ihren Kindern dann beispielsweise Verantwortungsbewusstsein beibringen können? 

Hinzu kommt, dass viele Erwachsene bereits längst mit dem Smartphone-Virus infiziert sind: Auch sie nutzen ihr Handy sogar bei geselligen Unternehmungen, wie beispielsweise beim gemeinsamen Essen, bei Familienfeiern, beim Spazierengehen - und sogar beim abendlichen Vorlesen. Solche Eltern und Großeltern dienen daher nicht (mehr) als gute Vorbilder. 

Pädagogen in der Jugendhilfe arbeiten diese Defizite mit ihren Schützlingen auf


Unsere Fachkräfte werden intern geschult, um ihr eigenes Medienverhalten stets auf dem Prüfstand zu halten und mit gutem Beispiel voranzugehen.

Jugendhilfe-Klientel fällt es noch viel schwerer als “gewöhnlichen” Kindern, die Folgen ihres Handelns in der Zukunft zu bedenken. Und anders als bei ungezügeltem Alkoholkonsum spüren sie nach ungezügeltem Medienkonsum eben auch keinen Kater, also keine negativen Konsequenzen. Das Problembewusstsein ist daher äußerst niedrig.

Mehrere Ausgangsprobleme treffen in der Jugendhilfe aufeinander

  • Die Wertebildung ist meistens schon abgeschlossen, wenn Jugendliche zu uns kommen, sie können mit Begriffen wie “Werten” und  “Verantwortung” nicht viel anfangen.

  • Medienkonsum wird als angenehm empfunden. Teilweise derart, dass man bereits von “Mediensucht”, bzw. stoffungebundener Abhängigkeit sprechen kann.

  • Eltern und anderen Bezugspersonen fällt es schwer, mit gutem Beispiel voranzugehen und ihren eigenen Medienkonsum in gesundem Rahmen zu halten. 

  • Influencer, Gamer und erfolgreiche Rapper, die mit ihrer Reichweite genügend Werbegelder generieren, um davon leben zu können, dienen als Idole und Vorbilder.  

Daher ist es für Wildfang wichtig, dass unsere Pädagogen bereit sind, sich auf die jeweilige Stufe der Internetvorlieben ihrer Schützlinge einzulassen. Wenn sie aus Zeit- oder anderen Gründen nicht mit ihnen in ihr jeweiliges Internetuniversium eintauchen wollen, so lassen sie sich von ihnen (z.B. am Esstisch) erzählen, was ihnen bei ihrer Internetnutzung gefällt und warum. Im Gespräch entsteht eine Abwägung zwischen Sinn und Unsinn. Doch pauschales Ablehnen, Verbieten oder Lächerlichmachen von Mediennutzungsverhalten ist genauso unangebracht, wie unreflektierte (Gamer-)Verbrüderung oder komplette Ignoranz der Problematik.

Bei Medienkompetenz geht es längst nicht mehr um die technische Bedienung eines Computers

Uns geht es beim Thema Medienkompetenz nicht um die bestmögliche Nutzung von Computern, bzw. Laptops und Tablets für den Unterricht. Wie Jugendliche Computerprogramme sinnvoll nutzen, ist nicht das Problem. Wir konzentrieren uns auf ihren Umgang mit Smartphones und damit den Zugang zum Internet in ihrer Freizeit und hier arbeiten wir auch Mediennutzungsthemen auf, die bereits in der Schule angesprochen wurden.

Einen großen Anteil bei der bevorzugten Mediennutzung haben Spiele und interessanterweise einen niedrigen Anteil Telefonate: Es geht den Wenigsten darum, das Soziale Miteinander zu pflegen, sondern passiv anderen beim Kommunizieren auf den sozialen Plattformen zu “folgen” - es wirkt wie reine Ablenkung von der Wirklichkeit - und unter bestimmten Voraussetzungen und in Maßen ist das auch nicht gefährlich oder schädlich.

Der Wunsch miteinander zu telefonieren, hat sich in den letzten Jahren zu einer Art Angst vorm Telefonieren gewandelt und um sich mühseliges Tippen zu ersparen, tauscht man viel lieber seine Gedanken als Sprachnachricht mit Freunden aus, dann muss man sich auch nicht um Rechtschreibung kümmern. Das ist allein aus didaktischen Gründen schon äußerst fragwürdig, aber nicht pauschal abzulehnen, denn manchmal ist das besser als gar nichts. Unsere Pädagogen müssen die Einstiegsschwelle jedes/r Jugendlichen individuell beurteilen und manchmal ist eine Sprachnachricht durchaus ein guter Anfang, um seine Medienkompetenz weiterzuentwickeln. 

Wir klären sie über ihre Rechte auf und vermitteln ihnen mit sehr viel Geduld, wie wichtig es ist, dass sie ihre Rechte vernünftig und verantwortungsvoll nutzen - zu ihrem eigenen Wohl und zum Wohle aller. Dies ist besonders wichtig in Bezug auf die politische Meinungs- und Willensbildung und zum Schutz der Demokratie. Doch das interessiert unsere Jugendlichen am Anfang herzlich wenig: Sie wollen spielen und glotzen.

Daher ziehen wir von Anfang an das Pferd quasi von hinten auf: Wildfang-Pädagogen vermitteln, dass gemeinsames Spielen und Kommunizieren mit realen Personen in der realen Gemeinschaft (“Real Life”) der ideale Schlüssel zu echten Glücksgefühlen sein kann: echte soziale Kontakte, richtige Freunde, gemeinsame Interaktionen, Lachen und Spielen, Mahlzeiten, Brett- oder Kartenspiele, Musik machen, viel draußen in der Natur zu sein; Mannschaftssportarten werden gefördert, wie Volleyball oder Fußball, usw.

Wir wecken das Interesse an realen Menschen und Ereignissen in der wahren Welt und zeigen ihnen, dass sie diese selbst aktiv mitgestalten können, wenn sie das möchten. Wir helfen ihnen auch, mit Enttäuschungen in der realen Welt klarzukommen, ohne in alte Verhaltensmuster oder Mediensucht (Eskapismus) auszubrechen.

Sanktionierungen manchmal unumgänglich

Manchmal kann es jedoch erforderlich sein, einem/r Jugendlichen den Zugang zum Internet, bzw. das Smartphone eine Weile lang zu entziehen und es durch ein gewöhnliches Telefon zu ersetzen. So bleiben Gespräche mit den Eltern und der Austausch mit Freunden möglich. Ein wichtiger Aspekt der Mediennutzung ist der, sich über das Weltgeschehen zu informieren. Hierzu kann man den Jugendlichen eine Tageszeitung anbieten. Die Presse dient der politischen Meinungs- und Willensbildung der Bevölkerung und der Unterhaltung. Mit der Zurverfügungstellung einer Zeitung ist das “Recht auf Mediennutzung” vollständig erfüllt.

Und auch hierbei hat es sich bewährt, sie entweder gleich gemeinsam zu lesen oder anschließend zu fragen: Welcher Artikel hat dir am besten gefallen und welche Seiten interessieren dich nicht - und warum?